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Der Unternehmer Carl Bolle und die Natureisgewinnung

Rummelsburger Eis-Ernte

Eis! - Rummelsburg bei künstlicher Beleuchtung war ein Ausflugstipp in der "Glitzerwelt von 1001 Nacht" (um 1900 / SW) - Mehr siehe letzte Seite dieses Beitrages



I. Eine amerikanische Idee - Carl Bolle bringt die Natureisgewinnung nach Berlin

Seine Milchwagen bestimmten über Jahrzehnte das Berliner Stadtbild, dabei war "Bimmel-Bolle" noch in ganz anderen Branchen tätig.

Bimmel Bolle Mädchen

Gehörten zum Berliner Stadtbild um 1900 - die Bimmel-Bolle-Mädchen - Großansicht



Als Waisenjunge kommt der 16jährige Carl Bolle aus dem kleinen Milow bei Rathenau 1848 ins aufstrebende Berlin und arbeitet sich vom Maurergesellen zum Meister und Bauunternehmer empor.

Mit dem Gewinn aus Bauspekulationen gründet er: - Bolles Seefisch-Handelsgesellschaft - Bolles Baumschulen - Bolles Obstplantagen - Bolles Konservenfabrik.

Eine neue Geschäftsidee aus Amerika aufgreifend fängt er in den 1860er Jahren an, im großen Stil Natureis aus dem Rummelsburger See zu gewinnen.

 



 
1872 gründet Bolle die Norddeutschen Eiswerke AG, sie entwickelt sich zu Berlins größtem Versorger von Kühleis.

Ende der 1870er Jahre hält er 30 Kühe auf seinem Grundstück am Lützowufer 31, eigentlich nur als Düngerproduzenten für seine Baumschule.

Die Milch verkauft er in "Bolles Milchausschank", bald bekannt als "Kuhdestille" oder "Babythek".

Carl Bolle Portrait Carl Bolle 1832 - 1910



Ab 1881 fahren drei Milchwagen durch die Stadt, 1910 sind schon über 250 Bolle-Wagen unterwegs und versorgen die Berliner täglich mit frischer und gesunder - da gekühlter und pasteurisierter - Milch.

1887 zieht die Provincial-Meierei C. Bolle nach Alt-Moabit auf ein weitläufiges Betriebsgelände.

Der 1909 zum Geheimen Kommerzienrat beförderte Carl Bolle stirbt 1910, sein Ehrengrab befindet sich auf dem Kirchhof St. Matthäus in Schöneberg.

1969 wird die Eigenproduktion eingestellt. In den alten Gebäuden befinden sich heute Gaststätten, Büros und ein Hotel.

Am Rummelsburger See erinnert ein Uferabschnitt mit seinem Namen an den Standort von Bolles Eiswerken.


 

II. Die Natureisgewinnung

Anfang des 20. Jahrhunderts ist es noch üblich, im Winter Eis aus Flüssen und Seen zu schneiden und es für den Sommer in isolierten Räumen einzulagern.

Bierkeller

Bierkeller brauchten Eis zur Kühlung



Teures Kunsteis kann lange nicht mit dem im großen Stil abgebauten Natureis konkurrieren.

Allein die Norddeutschen Eiswerke beschäftigen zur Hochsaison am Plötzensee, in Rummelsburg und an der Oberspree bei Köpenick bis zu 1200 Leute und Hunderte von Pferden.


Eis Säger

In Handarbeit werden um 1896 vorgeritzte Platten ausgesägt



Ab einer Eisdicke von mehr als 10 cm kann die Ernte beginnen. In regelmäßige Stücke von 60 x 100 cm zersägt, schwimmen die gerade noch handhabbaren Tafeln - bei 15cm Dicke wiegen sie immerhin zwei Zentner! - zu den Lagerräumen am Ufer.

Diese 12 bis 14 m hohen und ziemlich ausgedehnten Speicher bilden nur einen einzigen großen Raum ohne Etagen oder Zwischenwände, den in guten Wintern die eingebrachten Eisstücke von unten bis oben füllen.


Eispflüge

Später ritzen Eispflüge ritzen ein Gitter vor und Maschinen schneiden die Tafeln aus


 


 

III. Um 1900: Die Glitzerwelt von 1001 Nacht


"Ungeheure Endlosaufzüge, sog. Paternosterwerke, die aus dem Wasser bis unters Dach reichen, heben die Eistafeln empor.

Ein voll beladenes Paternosterwerk enthält in jedem Augenblick 40 bis 60 Centner Eis, die in einem ununterbrochenen Zuge nach oben begriffen sind.

In mehreren Höhenlagen zweigten übrigens von der Kette geneigte Gleitbahnen ab, die bis in das Innere des Speichers führen und auf denen die Eisplatten, stets durch geschickte Arbeiter gelenkt, in bestimmte Abteilungen des Magazins hinabgleiten, um dort nebeneinander ausgebreitet zu werden.

Mit der Höhe des Eislagers werden nun auch die Gleitbahnen höher und höher gelegt, und so setzt sich das Geschäft fort, bis der Speicher gefüllt ist - wenn es nach dem Wunsche der Unternehmer ginge - oder bis die Oberfläche der zur Verfügung stehenden Gewässer so frei von Eis ist, als wenn es Sommer wäre.

Ein Speicher könnte bequem die fußdicke Eisfläche des 10 ha großen Plötzensees aufnehmen, mit 400 000 Centnern entspricht das 10 Prozent des Berliner Bedarfs von 1896.

 

Rummelsburger Eis-Ernte

Rummelsburg bei künstlicher Beleuchtung war ein Ausflugstipp in der "Glitzerwelt von 1001 Nacht" (um 1900 / SW)
Klick hier oder auf das Bild für eine Großansicht

Das Eis gefriert im Innern zu einem großen Block, Wärme von außen dringt dank dicker Wände - zwei dicken Plankenwandungen mit einer zwischenliegenden fußdicken Isolationsschicht von Sägespänen - nicht hindurch.

Verluste entstehen erst wieder beim Aufhacken für den Abtransport, ungefähr ein Viertel der geernteten Menge schmilzt.

Der Umsatz geht bei dem üblichen Preise von 10 Pfennig für den Eimer oder 50 bis 60 Pfennig für den Centner und bei dem jährlichen Verbrauch von drei bis vier Millionen Centnern ebenfalls in die Millionen Mark.

Der Centner Kunsteis kostet zur gleichen Zeit doppelt so viel.

Mehr Gewinn ließe sich mit Eis nur machen, wenn man die Fläche als Schlittschuhbahn verpachtete!"

Aus "Glitzerwelt von 1001 Nacht"


 


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