• Nachlese über die gelungene Ehrung von zwei herausragenden Frauen

    Ansprache von Ronald Pieper vom Bürgerverein Luisenstadt zur Einweihung der Gedenktafel für Thiede und Peiser vor dem ver.di-Gebäude.

     

    Foto:Beate Leopold 

    Sehr geehrter Herr Werneke, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde des Bürgervereins Luisenstadt, liebe Gäste!

    Dem Dank Herrn Wernekes an die beteiligten Personen, die an der Realisierung der Gedenktafel mitgewirkt haben, möchte ich mich im Namen des Bürgervereins anschließen. Ich möchte aber auch meinen Dank an Herrn Werneke und den Vorstand von ver.di zum Ausdruck bringen. Sie haben unseren Vorschlag, für diese beiden herausragenden Frauen eine Gedenktafel zu initiieren sehr zügig aufgegriffen und an Herrn Simon zur Realisierung des kleinen Projekts weitergeleitet. Daher auch noch einmal unseren Dank besonders an Herrn Simon, der in unkomplizierter Weise und sehr zielstrebig die Gedenktafel mit uns zusammen organisiert und geplant hat.

    Auf die besondere Bedeutung und die Leistungen von Peiser und Thiede hat Herr Werneke schon hingewiesen, ich möchte aber noch eine kleine Ergänzung hinzufügen, die die beiden Frauen – so unterschiedlich sie in ihrer politischen Auffassung auch waren – verbindet. Nur einen Steinwurf weit entfernt steht heute noch das Gebäude der ersten Gewerkschaft. Sie waren die ersten, die erkannt haben, dass Bildung auch ein Machtfaktor ist, und haben Bildungsvereine für ihre Mitglieder und die Arbeiterschaft ins Leben gerufen. Hier ist die Verbindung auch zu Bona Peiser zu sehen, die mit ihrem Wirken und der Einrichtung erster Leseräume und Bibliotheken auch das Ziel hatte, die Ärmeren und Ungebildeten an Bildung teilhaben zu lassen. Daher ist gerade dieser Ort hier – vor der Verdi Bundeszentrale - auch besonders prädestiniert, dieser beiden Persönlichkeiten zu gedenken und eine breite Öffentlichkeit über ihr Wirken aufzuklären. Die Buchhandlung im ver.di-Haus, mit einer Zweigstelle der Büchergilde Gutenberg ist auch Ausdruck des Wirkens dieser beiden Frauen.

     

     

    Foto: Beate Leopold 

     

    Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass der Bürgerverein Luisenstadt schon seit geraumer Zeit dieser beiden Frauen gedenkt bzw. auf ihr Wirken in der ehemaligen Luisenstadt hinweist. So hat unser langjähriger Vorsitzender Volker Hobrack als BVV-Mitglied und Vorsitzender der damaligen Gedenktafelkommission an der Umsetzung der Namensgebung der beiden Straßenzüge maßgeblich mitgewirkt. Auch Frauke Mahrt-Thomsen, Gründungsmitglied des Bürgervereins Luisenstadt, hat sich schon beruflich bedingt für Bona Peiser stark gemacht. Sie war jahrelang Leiterin der schon von Herrn Werneke erwähnten Stadtbibliothek in der Oranienstraße, die auf ihr Wirken hin den Namen Bona Peiser erhielt.

    So schließt sich der Kreis mit der Einweihung der Gedenktafel für Paula Thiede und Bona Peiser. Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.         

     

     
  • Paula Thiede - erste Vorsitzende eines ArbeiterInnenverbandes

    Samstag, 21. Mai 2022  -  11.00 - 13.00 Uhr

    Stadtrundgang mit dem Historiker Dr. Uwe Fuhrmann

    Treffpunkt: Paula-Thiede-Ufer / Ecke Schillingbrücke, 10179 Berlin
     
    grab 03Grabstätte von Paula Thiede, Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde.

    Die Druckerei-Arbeiterin und Gewerkschaftsvorsitzende Paula Thiede hat in verschiedenen Stadtteilen Berlins gewohnt, aber ein erheblicher Teil ihrer Aktivitäten fand in der stark vom Arbeitermilieu geprägten Luisenstadt statt. Stationen sind einige der Wirkungsstätten von Paula Thiede: das Gewerkschaftshaus am Engelufer, Versammlungslokale in der Komandantenstraße und in der Annenstraße...

    Der Verfasser der ersten Monografie über Paula Thiede und ihre Gewerkschaft, Dr. Uwe Fuhrmann, macht uns mit einem lange vergessenen Teil der Berliner Gewerkschaftsgeschichte bekannt.

     

     

     

     
     
     
     
     
     
  • Erinnerungsveranstaltung im Luisenstädtischen Kirchpark

    Freitag, 3. Juni 2022  -  11.00 - 13.00 Uhr

    Ort: Alte Jakobstraße / Ecke Sebastianstraße
     

    Stele im Luisenstädtischen Kirchpark, Foto: Archiv Bürgerverein L.

    2002 wurde auf Initiative des Bürgervereins Luisenstadt e.V. im Luisenstädtischen Kirchpark eine Stele zur Erinnerung an die frühere Luisenstadt-Kirche enthüllt, die der Künstler Nikolaus Bode gestaltet hat. Eine Bronzetafel zeigt den barocken Kirchenbau, wie er vor der Kriegszerstörung bestanden hat. Der Text auf der Stele erinnert an die über 50 Menschen, die im Keller bei der Bombardierung am 5. Februar 1945 ums Leben gekommen sind. Weitere drei Bronzetafeln zeigen die Porträts der berühmten Persönlichkeiten

    - Friedemann Bach, 1710 – 1784, Komponist

    - Friedrich Nikolai, 1733 – 1811, Aufklärer und Verleger

    - Carl Gottlieb Svarez, 1746 - 1798, Jurist, Schöpfer des Preußischen Landrechts

    Sie haben auf dem früheren Friedhof rund um die Kirche ihre letzten Ruhestätten gefunden. Wir wollen an ihre Lebensleistung erinnern und die Geschichte der Luisenstädtischen Kirche erzählen, deren Ruine wegen der Grenznähe 1964 abgetragen wurde.

    Wir laden zu einem Beisammensein bei Kaffee und Imbiss ein, die der Bauinvestor der benachbarten Neubauten an der Stallschreiberstraße, die Instone Real Estate Development GmbH, spendiert. Durch das Engagement dieses Investors entstand 2019 auch der Plattenweg, der den Umriss der früheren Kirchenmauern und damit das Bodendenkmal Luisenstadt-Kirche markiert.

     

    Hier findet eine Doppelveranstaltung statt, die um 15:00 Uhr mit einem Open-Air-Gottesdienst der Evangelischen Kirche Kreuzberg beginnt.

    Ab 15:30 Uhr lädt die Firma Instone zum Kaffeetrinken ein.

    Ab 16:00 Uhr erinnern Mitglieder des Bürgervereins Luisenstadt e.V. in kurzen Beiträgen an die Geschichte vor Ort.

     

    Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

    Der Vorstand des Bürgervereins Luisenstadt e.V.

     

     
  • Erfreulich: die Michaelkirchstraße soll ruhiger, grüner und klimafreundlicher werden und die Planungen kommen voran 

     

    Die Michaelkirchstraße ist Teil eines übergeordneten Grünzugs von der Spree über das Engelbecken und den Luisenstädtischen Kanal bis zum Urbanhafen. Um den von 10- und 11-geschossigen Hochhäusern gesäumten Straßenabschnitt im Bereich von der Köpenicker Straße bis zum Michaelkirchplatz aufzuwerten und eine Nutzung als grünen Aufenthaltsraum zu ermöglichen, wurde Ende März 2022 ein von den beauftragten Planungsbüros bgmr Landschaftsarchitekten und Gruppe planwerk erarbeitetes Planungskonzept im Sanierungsbeirat vorgestellt. Es sieht eine Umgestaltung der Straße als Fahrradstraße im Gegenverkehr entsprechend den Anforderungen des Mobilitätsgesetzes vor.  Dadurch und durch die Einengung der Fahrbahn soll unerwünschter Durchgangsverkehr verhindert werden. Durch zusätzliche Versickerungsflächen soll eine optimalere Regenwasser-bewirtschaftung gelingen und zur Entlastung des unterirdischen Mischwasserkanals bei Starkregen beitragen. An der östlichen Straßenseite soll eine neue Baumreihe angepflanzt werden. Die große Breite der Straße von über 50 Metern ermöglicht es, dieses Konzept umzusetzen, allerdings zu Lasten etlicher Autostellplätze, die z.Zt. noch beide Seiten der Straße säumen. Ungefähr die Hälfte soll durch die Umgestaltung wegfallen. 

    Vision für die Michaelkirchstraße. © bgmr Landschaftsarchitekten 

     

    Darüber gab es schon in der ersten Runde der Bürgerbeteiligung (Online Kiezspaziergang April 2021) lebhafte Auseinandersetzungen und Kritik von Anwohnern. In der im Oktober 2021 fortgesetzten zweiten Phase der Bürgerbeteiligung (Workshop) wurde die Kritik an wegfallenden Parkplätzen wieder deutlich formuliert vorgetragen. Gleichzeitig hatten jedoch mehrere Teilnehmer viele Aspekte der vorgestellten Planungsvarianten befürwortet und konkrete Vorschläge zu Verbesserung der Aufenthaltsqualität vorgetragen (Parkbänke, mehr Raum für Freizeitnutzung, Hochbeete, weniger Parkplätze, mehr Bäume, Wasserquellen  u.a.). Aus allen diesen Anregungen und den übergeordneten Vorgaben haben die Planer drei Ausführungsvarianten erarbeitet. Eine davon, die Variante 3, ist die oben genannte Vorzugsvariante vom März 22. Sie wurde allerdings dahingehend noch überarbeitet, dass mehr Parkplätze als ursprünglich angedacht erhalten bleiben.  Hier die wichtigsten Aspekte in Kürze:

     

    • - eine 6m breite Fahrstraße (statt bisher 9m) 
    • - Verringerung der Stellplätze von 165 auf 71      
    • - Baumreihe an der östlichen Straßenseite 
    • - Fahrradstraße mit Schild „Anlieger frei“ 
    • - Schließung der Melchiorstraße für Autos an der Ecke der Sechseckfläche (Michaelkirchplatz) 
    • - Fahrradstellplätze , Versickerungsmulden, Ruheplätze … 
    • - Stadtplatz am von der WBM geplanten Turmhaus-Neubau  Ecke Michaelkirchstraße /Köpenicker Straße
        als Erinnerungsort an die Gebrüder Lilienthal 

     

    Bevor die jetzige Vorzugsvariante in die Ausführungsplanung geht, ist ein Beschluss des Bezirksamtes notwendig. Eine Realisierung des Vorhabens könnte frühestens 2023 beginnen. 

    VH 

4 Vorstand Duntze Mahrt Thomsen Eberhardt 530

Abbbildung: Klaus Duntze, Frauke Mahrt-Thomsen, Frank Eberhardt (Foto: Mike Hughes).

Folgender Interview-Text aus DRUCKSACHE - dem Magazin der Erneuerungskommission KottbusserTor - Ausgabe Nr. 3 vom  22.03.1991:

"Bei der Gründungsversammlung des „Bürgerverein Luisenstadt" wurden Frauke Mahrt-Thomsen, Frank Eberhardt und Klaus Duntze in den Vorstand gewählt. Keine leichte Aufgabe, denn die Aufgaben, die sich der Verein gestellt hat sind mindestens ebenso zahlreich und vielfältig wie die dabei zu bewältigenden Probleme.

Über beides sprachen die DRUCKSACHE mit den frischgebackenen Vorsitzenden:


Frauke Mahrt-Thomsen ist Leiterin der Bücherei Oranienstraße und DRUCKSACHE-Leserlnnen als Autorin zahlreicher „Buchtipps" bekannt. Frank Eberhardt ist Geologe, zur Zeit in der „Warteschleife" und wahrscheinlich demnächst im Vorruhestand. Er wohnt seit 23 Jahren in der Luisenstadt und ist ausgesprochener Kenner vor allem ihrer architektonischen Geschichte. Klaus Duntze ist Pfarrer der evangelischen St. Thomas-Gemeinde und arbeitet - mit Unterbrechungen - seit 1966 in Kreuzberg.


 DRUCKSACHE: Wir würden gerne wissen, warum Ihr Euch beim „Bürgerverein Luisenstadt" engagiert. Was ist für Euch persönlich so interessant an diesem Projekt?

Frauke Mahrt-Thomsen: Ich war von Anfang an bei der Initiatorengruppe, die sofort nach Öffnung der Mauer Interesse bekundet hat, über die anstehenden Folgen und die künftigen Konsequenzen für das Zusammenleben im Stadtteil mit den Bürgern aus Mitte und Kreuzberg zu sprechen. Es war ja offenkundig, dass sehr bald ein verstärktes Planungsinteresse einsetzen würde, und es ist für mich selbstverständlich, dass die Bürger dabei so stark wie möglich mitreden.

Darüber hinaus ist es auch mein fachliches Interesse in der Büchereiarbeit, aus den vier Wänden herauszukommen und in den Stadtteil hineinzugehen.

Klaus Duntze: Bei mir ist es so, dass ich seit Februar Pfarrer in der St. Thomas-Gemeinde bin, und die war ja nun bis zum Wegfall der Mauer eine Gemeinde im Winkel, in der letzten Ecke Berlins, mit all den Besonderheiten von SO 36.

Durch den Fall der Mauer ist sie nun wieder mitten in einem Stadtteil, den es offiziell gar nicht gibt, nämlich der Luisenstadt, der sich aber erstaunlich schnell aus seinen alten Traditionen, die ja bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen, nun wieder herausbildet und zu Wort meldet.

Dazu kommen natürlich die neuen Probleme, Verkehrsbelastung und so weiter, und da ist es nun auch gute Kreuzberger Tradition, dass die Kirchengemeinden sich aus diesen Fragen nicht heraushalten, sondern sich für das Gemeinwesen engagieren. So ist es fast zwangsläufig, dass einer, der da Pfarrer ist, solche Fragen aufgreift.

Frank Eberhardt: Ich komme über mein geschichtliches Interesse für die Entwicklung Berlins zur Mitarbeit in diesem Verein. Die Berliner Architekten haben ja sehr oft vorhandene Strukturen zerstört.

Wir, als die Bürger, die hier wohnen, sollten versuchen, dass die ganze Erneuerung der Luisenstadt sehr behutsam gemacht wird, damit die Bewohner sich in „ihrem" Gebiet wohlfühlen und nicht aus diesem doch sehr zentralen Stadtteil, wo es nur wenig Grünflächen gibt, zum Wochenende flüchten und hier alles entvölkert wird.


DRUCKSACHE: Die Luisenstadt war zwar ursprünglich ein zusammenhängender Stadtteil, aber 40 Jahre Trennung haben ja auch ihre Spuren hinterlassen. Warum orientiert sich jetzt der östliche Teil der Luisenstadt wieder so stark nach Kreuzberg? Gibt es kein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Rest des Bezirks Mitte?

Eberhardt: Eigentlich gibt es im Bezirk Mitte kaum eine einheitliche Struktur. Der Bereich westlich und nördlich vom Alexanderplatz hat eigentlich zu diesem Gebiet hier überhaupt keine organische Verbindung. Das ist nach meinem Dafürhalten eine rein verwaltungsmäßig geschaffene Einheit, die viel weniger Verbindung zum nördlichen Teil der Luisenstadt hat als die eigentliche Luisenstadt zu Kreuzberg.

Und ich würde meinen, auch der Kreuzberger Teil der Luisenstadt hat wahrscheinlich mit dem südlichen Kreuzberg nur sehr lose Verbindungen.

Es ist natürlich auch eine ganz interessante Aufgabe, aus den über 40 Jahre getrennten, unterschiedlichen Ideologien und Denkeinheiten jetzt wieder zu einem möglichst Einheitlichen zu kommen. Das kann sich ja nicht darauf beschränken, dass die Leute aus dem Osten Berlins nur zu Aldi einkaufen gehen.

Duntze: Ich wollte noch ergänzen: Die Luisenstadt hat ja ganz massive natürliche Grenzen. Der Bezirk Mitte ist gespalten durch die Spree und den Spreekanal, und erfahrungsgemäß gibt es Lebensbezüge über solche Barrieren hinweg nur sehr bedingt. Man sieht daran auch, dass die Bezirksaufteilung von 1920 auf die gewachsene Situation dieses Stadtviertels keine Rücksicht genommen hat.

Das bedeutet eben nicht unbedingt nur, dass sich die Luisenstädter nach Kreuzberg orientieren, sondern umgekehrt auch, dass wir in SO 36 uns aus der Ecke um den Mariannenplatz heraus nach Mitte orientieren. Man stand da immer so an die Mauer gelehnt -jetzt ist die Mauer weg, und platsch, fällt man rüber.


DRUCKSACHE: Die Menschen in diesem Gebiet sind eine bunte Mischung. Die Luisenstadt, so wie sie die Vereinssatzung definiert, ist nicht nur ein sehr großes Gebiet, sondern es gibt auch große Unterschiede -zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil, zwischen Ausländern und Deutschen, zwischen den Bewohnern von Alt- und Neubaubereichen. Was sollen alle diese Leute in einem Verein, was haben die gemeinsam?

Duntze: Gemeinsam haben sie die Luisenstadt, den Ort ihrer Verdammnis und ihrer Hoffnung.

Eberhardt: Was die Menschen prägt, ist doch, neben ihrer Arbeit, das Gebiet in dem sie wohnen. Je mehr wir die Arbeitszeit verkürzen, desto mehr gewinnen die Menschen Freizeit, also auch Identität mit ihrem Wohngebiet. Und die Möglichkeit, dort seinen Interessen nachzugehen und das Gebiet mitzugestalten, könnte ein ganz wesentlicher Grund sein, in solch einem Verein mitzumachen.


DRUCKSACHE:
Was sind denn Eurer Meinung nach die wichtigsten Probleme in der Luisenstadt?

Duntze: Man kann da oben oder unten anfangen. Unten hieße: Die wichtigsten Probleme sind die sozialen Probleme, also die Mietentwicklung, die Entwicklung der Betriebe und Arbeitsplätze, die Verkehrsproblematik -da gibt es die größten Ängste und Besorgnisse.

Wenn man oben anfängt, scheint mir das wichtigste die Spannung zu den Vorstellungen von Stadtplanern auf der zentralen Ebene, die etwa den Spreegürtel als hervorragendes Investitionsobjekt für ausländische Investoren ansehen, und dabei den Zusammenhang zwischen den Blöcken an der Spree und dem gesamten Bereich der Luisenstadt übersehen.

Sicher wird es da große Schwierigkeiten geben, aber die Frage ist, von wo aus man die Probleme angeht. Entweder vom Bestehenden her, oder man macht einen Kahlschlag aus „übergeordneten Gesichtspunkten". Und da sind unsere Politiker sehr eilfertig im Augenblick.


DRUCKSACHE: Welche Möglichkeiten seht Ihr denn, Euch einzumischen? Wenn ein Großkonzern mehrere Blöcke an der Spree bebauen soll, hat man es mit ganz anderen Gegnern zu tun als in Kreuzberg zu Beginn der 80er Jahre.

Duntze: Ich denke, solche Versuche wie Bürgermitsprache in diesem Bereich haben nur dann eine Chance, wenn sie nicht als Kampf „Luisenstadt gegen die ganze Welt" angezettelt werden. Das mag ehrenwert sein, aber es ist aussichtslos.

Eberhardt: Ich glaube, dass der Verein eine sehr große Aufgabe in der Öffentlichkeitsarbeit hat. Es ist für den einzelnen Bürger kaum immer möglich, das was in der Planung vorgesehen ist, zu erfahren. Wir müssen als Verein eine sehr gute Zusammenarbeit mit den beiden Stadtbezirken herstellen, um sehr zeitig einzugreifen und die Bürger zu informieren.


DRUCKSACHE: Eines der wichtigsten Probleme in naher Zukunft wird wahrscheinlich die Arbeitslosigkeit werden. Was kann ein Bürgerverein in diesem Bereich tun?

Mahrt-Thomsen: Zuallererst wäre es möglich und sinnvoll, einen Treffpunkt für die Arbeitslosen zu schaffen, wo sie sich treffen und Informationen austauschen können.

Eberhardt: Vielleicht können wir auch durch die Diskussion bestimmter Probleme in unserem Gebiet zu Vorstellungen über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen kommen. Es ist wichtig, dass die Menschen von der Straße wegkommen.

Duntze: Der Verein kann keine Arbeitsplätze vergeben, er kann auch keine Investitionen vergeben oder anlocken. Aber er kann die Diskussion um die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen und Produktionsstandorten nicht nur aufmerksam verfolgen, sondern sich aktiv einklinken. An den Stellen, wo die Diskussion von der Luisenstadt wegläuft, weil man sagt, das ist eine Sache der Treuhand oder der Investoren. Der Verein muss darauf bestehen, dass das vor Ort und unter den Aspekten der dort wohnenden und arbeitenden Menschen und der Betriebe diskutiert wird.


DRUCKSACHE: Laut Satzung soll der Verein auch an der Entwicklung der Luisenstadt in „politischer" Hinsicht mitarbeiten. Was stellt Ihr Euch darunter vor?

Eberhardt: Das ist die Grundlage der Arbeit. Zwei ehemals durch eine Mauer getrennte Teile der Luisenstadt sitzen jetzt an einem Tisch. Das ist Politik. Wenn wir uns gemeinsam Gedanken machen über die Mieten oder die Arbeitsplätze, dann ist das Politik. Politik ist nicht nur Sache des Staates, sondern auch Sache der Bürger.


DRUCKSACHE: Von Seiten des Senats, aber auch im Bezirk, wird in letzter Zeit immer wieder das Argument vorgebracht, dass alles, was Zeit kostet und möglicherweise die Schaffung von Arbeitsplätzen behindert, nur die Probleme verschlimmert.

Duntze: Das ist eines der beliebten Hilfs-und Totschlagargumente.

Im Gutachtergespräch der beiden Bezirke haben wir es uns in der letzten Woche konkret angesehen. Kann man bei der jetzigen Grundstückslage schnell etwas machen? Die Gutachter sagen: Nein, das kann man nicht. Gibt es eine Vorstellung von der Gewerbestruktur in der Innenstadt? Die Gutachter sagen: Wir wissen nichts davon. Wir wissen nicht, ob Berlin Regierungssitz wird, ob es Olympiastadt wird, wir wissen nicht, ob die Investoren hier wirklich das Sprungbrett für die Wirtschaftsbereiche des ehemaligen Warschauer Pakts nehmen -das ist doch alles Seifenblase.

Wenn es jetzt ganz schnell gehen soll, heißt das doch, dass sich Investoren Grundstücke krallen wollen um sie vorzuhalten, bis etwas passiert. Aber das bringt doch keine Arbeitsplätze.
Es ist alte Tradition, dass Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Freiraum geschehen. Die Anlage des Luisenstädtischen Kanals wie auch das Zuschütten war eine Notstandsmaßnahme. Die historischen Freiräume der Luisenstadt stehen alle zur Neugestaltung an: der Luisenstädtische Kanal, der Michaelkirchplatz, der Luisenstädtische Kirchhof, der St. Jacobs-Kirchhof, jetzt Waldeck-Park. Das sind vier sehr große Freiraumbereiche, die sofort angepackt werden könnten. Hunderte von Leuten hätten hier in ABM-Programmen zu tun.


DRUCKSACHE: In der Luisenstadt gibt es jetzt zwei Gremien, den Verein Luisenstadt und die Erneuerungskommission. Wie stellt Ihr Euch das Verhältnis zwischen den beiden vor?

Mahrt-Thomsen: Da haben wir ganz klare Vorstellungen zur Abgrenzung und zur Kooperation. Als Bürgerverein interessiert uns die ganze Luisenstadt, aber bei der hoffentlich bald stattfindenden Gründung des Stadtteilausschusses Luisenstadt werden wir unnötige Überschneidungen vermeiden, weil das die Bereitschaft der Verwaltung, mit uns zusammenzuarbeiten, sicher einschränken würde.


DRUCKSACHE: Das heißt, der Bürgerverein arbeitet für die ganze Luisenstadt, und was die EK für das Sanierungsgebiet macht, soll der Stadtteilausschuß für den Rest übernehmen. Das klingt ein wenig so, als ob der Verein die „bewährten" Strukturen aus Kreuzberg auf das neue Gebiet ausdehnen will.

Duntze: Es sind einige besondere Elemente dabei: Zum einen geht es um die Zusammenarbeit zweier Bezirke in einem Gebiet, das die Bürger als einheitliches vertreten wollen. Eine andere Sache ist, dass hier verschiedene Traditionen des Umgangs mit Öffentlichkeit und Mitverantwortung aus Ost-und Westberlin vermittelt werden müssen, das ist für uns alle Neuland. Es gab ja in der DDR z.B. die Wohnbezirksausschüsse.

Ich würde die Freunde und Kollegen aus diesem Bereich danach fragen, ob es von daher nicht Erfahrungen gibt, die für eine Bürgerbeteiligung, die die Bürger wollen, die ihnen nicht aufgedrückt wird, fruchtbar zu machen sind. Von daher könnte ich mir denken, dass sich da ganz andere Formen von Bürgerengagement auftun, als wir sie jetzt sehen.

Eberhardt: Wir müssen sicherlich prüfen, welche Erfahrungen sinnvoll zu übernehmen sind.

Meine Frau hat z.B. in der Volkssolidarität gearbeitet. Da wurden alte Menschen bei Inex, das ist eine Firma in der Köpenicker Straße, zweimal im Jahr zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Wir sollten versuchen, auch solche Möglichkeiten wieder zu schaffen. Wenn wir ein Vereinslokal finden, vielleicht könnte man das auch so gestalten, dass sich da Menschen treffen, die nicht unbedingt zum Verein gehören.

Duntze: Eine Besonderheit dieses Vereins könnte sein, dass er auf zwei Beinen steht: Auf der einen Seite das Interesse und Engagement der einzelnen Bürger, und auf der anderen Seite ein Netz von Einrichtungen, die den Bürgern und der Öffentlichkeit verpflichtet sind. Das sind vor allem die beiden Bibliotheken, aber auch Einrichtungen wie der Nachbarschaftsverein Kotti, das Haus am Köllnischen Park, die Kirchengemeinden.

Das stimmt mich zuversichtlich, dass der Verein bei den immensen Aufgaben, denen er sich stellen muss, nicht völlig baden geht. Man braucht ja auch Räume, Anlaufpunkte, Leute, die das, was sie sowieso tun, auch ein Stück auf den Verein ausrichten.


DRUCKSACHE: Womit wir zum Schluss bei einem ganz profanen Thema wären: All das kostet eine Menge Geld. Woher soll das kommen?

Duntze: Gute Frage. Wir haben den Verein gegründet, ohne vorher eine Kalkulation zu machen. Aber zum einen haben wir Einnahmen aus Beiträgen, zum anderen könnte es Sachzuwendungen der genannten Organisationen geben. Drittens: Wenn der Verein Aufgaben der öffentlichen Hand übernimmt, z.B. die Organisation eines Stadtteilausschusses, dann hat die öffentliche Hand dafür auch aufzukommen. Man bewegt sich dabei auf einem schmalen Grad, aber es ist etwas anderes als ein Einkaufen des Vereins durch die Behörden.


DRUCKSACHE: Wir danken für das Gespräch.