Tauthaus Baustelle 

Das Taut-Haus im Jahr 2011 als Baustelle - Foto: Archiv Bürgerverein

Text: Elisabeth Masé

1927 beauftragte die Zentralverwaltung des Deutschen Verkehrsbundes den Architekten Bruno Taut mit dem Bau eines imposanten Bürogebäudes am Engeldamm/Ecke Michaelkirchplatz. Es wurde 1932 vom Architekten Max Taut, Bruno Tauts Bruder, und dem Architekten Franz Hoffmann in Form eines viergeschossigen Rechtecks mit zwei umschlossenen Innenhöfen fertiggestellt.

Bruno Taut, ein enthusiastischer Verehrer der Russischen Revolutionsarchitektur, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Moskau und richtete für die dortige Stadtverwaltung ein Büro für Neubauten ein. Doch aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und enttäuscht von der sowjetischen Architekturentwicklung kehrte er 1933 nach Berlin zurück, wo er, kaum angekommen, vor den Nationalsozialismus nach Japan fliehen musste.

Noch im gleichen Jahr besetzten die Nationalsozialisten das Taut-Haus am Engelbecken und schlugen es der Deutschen Arbeitsfront sowie der Gauverwaltung Berlin "Kraft durch Freude" zu.

Von 1949-1951 wurde das während des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigte Gebäude von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen und umfangreich renoviert. Holzrahmen ersetzten die einst noblen Fensterrahmen aus Messing, und die ursprünglich dunkle Fassade erhielt eine Muschelkalkverblendung.

Bis zum Mauerfall 1989 blieb das Taut-Haus in der Hand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds FDGB, eines Dachverbands der Deutschen Demokratischen Republik, bis es nach dem Mauerfall an die ÖTV, die Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes, Transport und Verkehr, überging.

1998 übernahm die Gewerkschaft Verdi das Gebäude und sanierte es. Sie zog jedoch bereits vier Jahre später wegen unlösbarer Feuchtigkeitsprobleme wieder aus. Danach stand das Gebäude acht Jahre lang leer und verrottete, bis es durch das Berliner Architekturbüros Ingenbleek 2010 bis 2013 denkmalgerecht saniert und in ein Wohnhaus mit fünfzig Wohn-, Gewerbe- und Ateliereinheiten umgebaut wurde.

Ich hatte das Glück, in eine der Wohnungen einziehen zu können. Doch kaum hatte ich mich mit meiner Familie in unserer aus zwei kleinen Wohneinheiten zusammengefügten Atelierwohnung eingerichtet, wurde das Taut-Haus, vermutlich aufgrund seiner exponierten Lage, von einer paramilitärisch anmutenden, schwarz vermummten Schlägertruppe unter lautem Gejohle mit Steinen und Spitzhacken mehrmals angegriffen und beschädigt.

Wir Hausbewohner waren zutiefst bestürzt und beschlossen, der von außen auf uns einprallenden Gewalt mit friedlichen, künstlerischen Aktionen entgegenzutreten. Als Künstlerin und Mitglied des Beirats engagierte ich mich von Anfang an für diese kreative Strategie, denn entgegen eines auf der Plattform Indymedia verbreiteten Gerüchts wohnen im Taut-Haus keine Grundstückspekulanten, sondern Familien mit Kindern, Senioren*Innen, Künstlern*Innen verschiedener Sparten, aus Kriegsgebieten Geflüchtete sowie Gewerbetreibende, eigentlich die ideale "Berliner Mischung".

Der Angriff auf unser Haus hatte uns Bewohner zusammengeschweißt. Ich etablierte kurz nach dem Anschlag mit Unterstützung des Beirats der WEG ein nachbarschaftliches Forum, um gemeinsam mit den Bewohnern des Hauses eine Strategie zur Bewältigung unserer internen und externen Probleme zu entwickeln, denn wir mussten nicht nur gegen unlautere Forderungen und Unterlassungen unseres Berliner Bauträgers vorgehen, sondern auch die gewalttätigen Angriffe einer uns unbekannten, extremistischen Gruppe gewaltlos abwehren.

Wir organisierten dazu soziale und kreative Aktionen wie zum Beispiel eine musikalische Führung durchs Haus, verzierten die Schaufenster im Erdgeschoss im Rahmen eines Kunstworkshops, initiierten ein interkulturelles Fest mit Kochworkshop und alevitischer Hausmusik, feierten gemeinsam Weihnachten und ein Sommerfest oder luden den Vorstand des Bürgervereins und die benachbarte Behinderten-Einrichtung zu uns ein.

Ich habe mit einer weiteren Künstlerin, zwei Historikerinnen, einer Vertriebsleiterin und einem Kommunikations-Experten dank einer finanziellen Unterstützung des HLBS in den Schaufenstern im Erdgeschoss unseres Gebäudes eine Dokumention realisiert, welche die mehr als neunzigjährige Geschichte unseres Taut-Hauses auch visuell dokumentiert.

Es handelt sich um eine bewegende Zeit mit Krieg und Frieden, Wandlung, Diversität und Zusammenhalt. Wir alle hoffen, dass die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohnerinnen und Bewohner in Zukunft glücklich verläuft.


Ausverkauft: www.Tauthaus-am-Engelbecken.de

Mehr auch hier auf unserer Website:


Einbringung der Röhrichtinseln

Arbeiter beim Zusammenbau der Röhrichtinseln am Fr. 13. 08. im Engelbecken. Foto: P. Falckenberg

Bürgervereien wählt neuen Vorstand

Neuer Vorstand Bürgerverein Luisenstadt e.V.: Peter Schwoch, Ralph Rönsch und Petra Falkenberg; Foto: Wieland Giebel
Am 12. August 2021 wurde ein neuer Vorstand in der St. Thomas Kirche gewählt. Neuer Vorsitzender wurde Peter Schwoch, Stellvertreterin Petra Falkenberg. Neuer und alter Schatzmeister ist Ralph Rönsch. Ronald Pieper stand aus persönlichen Grunden nicht mehr für eine Vorstandstätigkeit zur Verfügung. Wir wünschen dem neuen Vorstand alles Gute!
Lesen Sie hier auch den Tätigkeitsbericht (PDF)

Es ist ein beglückendes Gefühl, Bücher machen zu können …

Gespräch mit Wieland Giebel, Leiter des Berlin Story Verlags, am 23.6.2021

BVL:    Unter dem Dach Berlin Story sind vielfältige Aktivitäten zur Geschichte Berlins zu finden: Seit 1997 bis 2016 Buchladen und Museum mit diversen Ausstellungen an verschiedenen Standorten Unter den Linden, seit 2014 der international bekannte Bunker mit Museum in Kreuzberg sowie der Berlin Story Verlag. Er hat seit 2015 seinen Sitz in der Luisenstadt, am Leuschnerdamm 7 mit Blick auf das Engelbecken.



In unserem Newsletter geht es um Leben und Arbeiten in der Luisenstadt, daher steht der Verlag im Mittelpunkt. Bis 2015 haben die im Verlag tätigen unter einem Dach mit den Mitarbeiter*innen des Museums und des Buchladens Unter den Linden gearbeitet. Wie kam es zum Wechsel des Verlagssitzes und warum ging er an den Leuschnerdamm?

W.G.:    Der Wechsel kam zustande, weil die Räume Unter den Linden 40 kurz vor der Kündigung standen, das Haus wurde verkauft und wir mussten raus. Zum Leuschnerdamm gingen wir, weil ich im gleichen Haus wohne und die Räume hier bereits für den Verlag vorbereitet waren. Es war alles schon verkabelt und eingerichtet, so eine Art Notbüro, weil vorauszusehen war, dass es Unter den Linden nicht weitergeht.

Weiterlesen ...

Interview mit Kisch & Co

„Wir wollen hier bleiben…“ - Wie geht es weiter mit Kisch & Co. und der Oranienstraße?

Foto: Matthias Reichelt

Interview mit Thorsten Willenbrock am 21.5.2021

BVL: Vor einem Monat, am 22.4.2021, hat das Landgericht Berlin Kisch & Co zur Räumung eurer Buchhandlung in der Oranienstraße 25 verurteilt. Dagegen konnte innerhalb eines Monats Berufung eingelegt werden. Habt ihr das getan?

Weiterlesen ...

Gentrifizierung in der Luisenstadt am Beispiel der Buchhandlung Kisch & Co.

Der Begriff Gentrifizierung kommt aus dem Englischen und wird seit den 1960er Jahren zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in städtischen Bereichen benutzt. Gegen Veränderung als solche ist erst einmal nichts einzuwenden, es kommt aber darauf an, in welche Richtung sie geht und wer letztlich davon profitiert.

Das Deutsche Institut für Urbanistik erläutert den Begriff Gentrifizierung und die damit einhergehenden Prozesse eingängig und gut nachvollziehbar: "Abgeleitet vom englischen Ausdruck "gentry" (= niederer Adel) wird .. (Gentrifizierung) zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.

Weiterlesen ...

Leseprobe: "Das Taut-Haus am Engelbecken, ein Denkmal"

 

Das Taut-Haus im Jahr 2011 als Baustelle - Foto: Archiv Bürgerverein

Text: Elisabeth Masé

1927 beauftragte die Zentralverwaltung des Deutschen Verkehrsbundes den Architekten Bruno Taut mit dem Bau eines imposanten Bürogebäudes am Engeldamm/Ecke Michaelkirchplatz. Es wurde 1932 vom Architekten Max Taut, Bruno Tauts Bruder, und dem Architekten Franz Hoffmann in Form eines viergeschossigen Rechtecks mit zwei umschlossenen Innenhöfen fertiggestellt.

Bruno Taut, ein enthusiastischer Verehrer der Russischen Revolutionsarchitektur, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Moskau und richtete für die dortige Stadtverwaltung ein Büro für Neubauten ein. Doch aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und enttäuscht von der sowjetischen Architekturentwicklung kehrte er 1933 nach Berlin zurück, wo er, kaum angekommen, vor den Nationalsozialismus nach Japan fliehen musste.

Weiterlesen ...