Anpassung und Widerstand – die Luisenstadt im III. Reich

Abb.: Mieterstreik 1935 - Landesbildstelle BerlinDie bürgerlichen Tugenden, wie sie im 19. Jahrhundert in der Luisenstadt entfaltet wurden, waren weder in der Weimarer Republik noch im Dritten Reich gefragt – andere Identitäten als die eigenständig-lokale prägten das gesellschaftliche und politische Leben. Durch die Kriegsfolgen und die Inflation war das Gewerbe in der Luisenstadt stark zurückgegangen, Arbeitslosigkeit und politische Radikalisierung prägten die soziale Situation; zwischen 1924 und 1928 war der größte Teil ihrer Bevölkerung auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen. Die beiden politischen Lager bauten ihre sozialen Netze auf und aus; um den Görlitzer Bahnhof etablierten sich in den Kneipen der Arbeitersportbund ‚Fichte‘ (SPD), der Rotfrontkämpferbund (KPD). Im ‚In der Wiener Str. 10 befand sich ab 1929 das berüchtigte SA-Sturmlokal ‚Wiener Garten‘, 1933 auch wildes KZ und Folterkeller. Um die Arbeitslosen werben beide Lager; beim Mieterstreik 1932 wehen Fahnen mit Hakenkreuz und mit Hammer und Sichel nebeneinander an den Häusern in der Luisenstadt.

Abb.: Ruine Synagoge Fränkelufer - Archiv Kreuzberg-MuseumUnmittelbar nach der Machtübernahme 1933 begann auch die ‚Gleichschaltung‘ der Luisenstadt. SA besetzte die Gewerkschaftshäuser am Engeldamm und am Oranienplatz, in den evangelischen Kirchengemeinden rückten die ‚Deutschen Christen‘ in die Gemeindekirchenräte ein, jüdische Beamte, Ärzte, Juristen und Hebammen auch Pfarrer bekamen Berufsverbot, die jüdischen Geschäfte in der Luisenstadt wurden ‚arisiert‘. Neben den Hinterhofsynagogen der privaten Synagogenvereine war die Gemeindesynagoge am Fraenkelufer Mittelpunkt jüdischen Lebens; sie wurde von der SA in der Pogromnacht 1938 teilweise zerstört. Und doch gab es auch Widerstandsgruppen: vor allem die Gruppe um Herbert Baum, die sich aus Mitgliedern jüdischer Sport- und Jugendgruppen rekrutierte und im Mai 1942 den Brandanschlag auf die Propaganda-Ausstellung ‚Das Sowjetparadies‘ verübte. Mit dem Verbot der KPD und der SPD, der Verhaftung und Einkerkerung ihrer Funktionäre blieb den linken Parteien nur der weit verzweigte Untergrund in den Betrieben der Luisenstadt.

Zerstörte Luisenstadt - 125 Jahre St. Jacobi-Gemeinde

Die Fabriken in der Köpenicker Straße und dem Exportviertel Ritterstraße wurden für die Rüstung umorganisiert; ein wesentlicher Grund dafür, daß die Luisenstadt zum Ziel verheerender Luftangriffe wurde – der letzte und schwerste, dem fast die ganze innere Luisenstadt zum Opfer fiel, am 3. Februar 1945; SO 36 kam vergleichsweise glimpflich davon. Damals wurde auch die Luisenstadt-Kirche zerstört; in ihren Gewölben kamen über 60 Menschen ums Leben, darunter viele Kinder. 3.255 Tote und Vermißte kostete der Angriff, 11.097 Menschen wurden ausgebombt. Durch die Luisenstadt rückte die Rote Armee auf das Stadtzentrum vor, eine der Photographien zeigt ihre Panzer vor der St. Thomas-Kirche.

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