Waldpflanzengarten

Darstellung einer besonderen Bürgerbeteiligung
Der Waldpflanzengarten ist der Abschnitt der Barth’schen Grünanlage zwischen Adalbertstraße und Melchiorstraße im Zuge des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals. Er gehört zu Alt-Mitte Süd und war während der Teilung Berlins in den Grenzbefestigungsanlagen der DDR untergegangen. Bereits unmittelbar nach der Wende gehörte der Bürgerverein Luisenstadt e.V. zu dem Kreis der Interessierten, die eine denkmalgerechte Rekonstruktion des gesamten Grünzuges, besonders aber der völlig devastierten Abschnitte im Zuge des ehemaligen Grenzverlaufes forderten und betrieben. So hatte der Bürgerverein bereits im Jahre 1994 ein Gutachten in Auftrag gegeben, dessen Inhalt Nutzungs- und Gestaltungsvorstellungen für diesen Gartenabschnitt waren. Unterstützt wurde dieses Bestreben von Beginn an durch die Gartendenkmalpflege und durch das Stadtplanungsamt Mitte, behindert wurde es immer wieder durch fehlende finanzielle Mittel. Auch deshalb verhandelte die Baustadträtin von Mitte, Frau Dubrau, seit 2002 mit der Otto-von-Beisheim-Stiftung über eine Spende zur Verbesserung der Freiraum-Situation im Bezirk Mitte. Da die Höhe der Zuwendung (~ 200.000 €) für das zunächst favorisierte Engelbecken nicht ausreichte, wurde sie für die Arbeiten am Waldpflanzengarten vorgesehen. Flankierend dazu konnte der Bezirk Mitte den Auftrag erteilen, die begleitenden Straßen Engeldamm und Bethaniendamm zwischen Köpenicker und Straße und Engelbecken durch Pflanzung einer zweiten Baumreihe - nach unausgeführten Barth’schen Plänen - zur Promenade umzugestalten.

Mit Bekanntwerden der Pläne und dem Beginn der Arbeiten ergaben sich jedoch Konflikte: Nach dem Abräumen der Grenzanlagen Anfang der 90er Jahren hatte sich während der mehr als zehnjährigen Brache eine kräftige Spontanvegetation entwickelt. Trotz des Bauzaunes, der immer wieder geöffnet und teilweise eingerissen worden war, hatten sich Anwohner, vor allem aus den alternativen Projekten wie Mauerkinderbauernhof, Adalbertstraße, Wagendörfer‚ wie „Schwarzer Kanal“, Rauch-Haus, Bethaniendamm, das alternative Zentrum „Open Space“ und die „Initiative Mauerstreifen“ die Brache angeeignet mit kleinen Gärten, Kunstobjekten, als Hundeauslauf und für Sommerfeste, von der Verwaltung geduldet, da eine gesicherte Baustelle über eine so lange Zeit nicht durchgesetzt und durchgehalten werden konnte.

Im August 2004 wandte sich ein Sprecher der Nutzergruppierung an das planende Büro HORTEC und den Bezirk mit eigenen Vorstellungen für die Zukunft dieses Kanalabschnittes. Die Gruppe vertrat vehement die Erhaltung der Ruinensituation und des Wildwuchses als „freies Indianerland“, als notwendiges Gegenstück zur „ästhetisierenden Erneuerung“ der bisherigen Kanalabschnitte. Die Zielstellung des Bürgerverein Luisenstadt e.V., zwischen einer denkmalgerechten Rekonstruktion des Waldpflanzengartens und den Vorstellungen dieser Gruppe zu vermitteln, schlug zunächst fehl, da die Sprecher der Gruppe zunächst keinem Kompromiss zugänglich waren und starr bei ihrer alten Forderung nach dem Erhalt des Ruinencharakters der halb verfallenen Mauern und dem Schutz der Spontanvegetation blieben. Die Fauna des Wildwuchses sei ebenso schützenswert wie die „gestylten Anlagen“. Wenn der Bezirk und die Denkmalpflege ihre Baumaßnahmen fortsetzten, sei mit Widerstand zu rechnen! In mehreren Veranstaltungen und Einzelgesprächen wurde dargelegt, dass aus Gründen der Sicherung, der Unfallabwehr und des Denkmalschutzes auf die Sanierung der Mauern nicht verzichtet werden kann. Eine teilweise Vernichtung der bestehenden Vegetation sei außerdem wegen der Bauarbeiten nicht zu vermeiden, soll allerdings auf das Mindestmaß beschränkt werden. Die freigelegten Treppen und der Mittelweg sollen wieder hergestellt werden. Das Angebot, sich in diesem Rahmen über die weitere Ausgestaltung der Anlage anzunähern, wurde kompakt und teilweise aggressiv abgelehnt, obwohl veranschaulicht wurde, dass die Grünanlage für alle Anwohner da ist. Das ist besonders deshalb bedauerlich, weil der Charakter gerade dieses Gartens auch ursprünglich schon mit seiner natürlichen Bepflanzung im Gegensatz zu den linearen und barockisierenden Abschnitten - wie Rosengarten, Engelbecken und Immergrüner Garten - stand und damit auch den Gegnern einer „preußischen Begradigung“ bei der Neugestaltung entgegenkommen müsste.

Am 8. März 2005 kam es dann anlässlich einer Bürgerversammlung in der Thomaskirche zu einem einmaligen Eklat, indem durch Trillerpfeifen gestört und die Zeichnungen von der Wand gerissen wurden. Während sich die Bezirke - und im Einklang mit ihnen auch der Bürgerverein Luisenstadt e.V. im Interesse der meisten Anwohner - bemühen, die Kriegs- und Mauerfolgen zu überwinden und über die Bezirksgrenzen hinweg die Luisenstadt wieder zu eine „guten Adresse“ werden zu lassen, fühlt sich die alternative Szene durch diese Entwicklung bedroht. Sie kann nicht verinnerlichen, dass sich ihr Standort im vergangenen Jahrzehnt von einer abgelegenen, wenig beachteten Nische des alten Westberlin in ein zentrumsnahes, belebtes Stadtgebiet der neuen gesamtdeutschen Hauptstadt gewandelt hat. Die Langzeitbrache hat diese Haltung hervorgebracht, im gleichen Maße, wie sie die Spontanvegetation hat wuchern lassen...

Ab April wurde dann doch – nun differenziert – zur Sache diskutiert. In den weiteren Gesprächen, die dann ohne Aggressionen verliefen, ergab sich eine Differenzierung der Szene. Einige Teilnehmer, wie der Kinderbauernhof, zeigten ihre Kooperationsbereitschaft. Auch für die vom Straßen- und Grünflächenamt Mitte noch einmal dargestellte Notwendigkeit der Mauersanierung und Rodung der Spontanvegetation gab es teilweises, wenn auch resignatives Verständnis. Vertreter des Kinderbauernhofes und des Heilehauses forderten weiterhin Zugang zu Futter- und Heilpflanzen aus der Ruderalvegetation, der Mittelweg sollte schmaler und auf die Mauer an der Melchiorstraße soll verzichtet werden – Vorschläge, die zur Umsetzung bzw. Prüfung akzeptiert wurden. Die Schließung des Übergangs Melchiorstraße wurde bestätigt, auch die Fahrradnutzung auf der begleitenden Promenade. Allgemeine Zustimmung gab es für die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung der Mauergeschichte: Für das noch nicht rekonstruierte Reststück der Anlage bis zur Köpenicker Straße soll zeitnah - auch im Blick auf das Senatsprojekt zum Mauergedenken - eine neue Runde der Beteiligung beginnen. Ein abschließendes Treffen zum Waldpflanzengarten hat am 23.Juni 2005 unter der Leitung von Frau Bezirkstadträtin Dubrau stattgefunden.

Am 2. Juni 2005 tagte der Ausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Mitte für Umwelt, Natur und lokale Agenda . Die Architektin Böhnig hatte sich im Namen der „Initiative Mauerstreifen“ mit einem Brief der an Senat und Bezirk gewandt und mit Rücksicht auf die übergreifenden Zusammenhänge, in denen der Waldpflanzengarten steht, einen Neuansatz der Planung gefordert, der die Spannungsfelder Denkmale (Gartendenkmal - Berliner Mauer), Bezirke (Mitte - Kreuzberg), Gesellschaft in Berlin (staatliche Bevormundung - alternative Lebensformen) berücksichtigt und vermittelt. Daraufhin hatte der Ausschuss sowohl die Initiative Mauerstreifen als auch den Bürgerverein Luisenstadt e.V., die Gartendenkmalpflege und das Büro HORTEC eingeladen. Nach der Vorstellung des Planungsstandes durch HORTEC hatten sowohl der Bürgerverein Luisenstadt e.V. als auch die „Initiative“ Gelegenheit, ihre Auffassungen vorzustellen.

Entwurf Waldpflanzengarten

Ehemaliger Luisenstädtischer Kanal Entwurf Waldpflanzengarten, Büro HORTEC

Der Ausschuss gewann die Überzeugung, dass das Verfahren demokratisch abgelaufen war. Er erkannte die nachweisbaren Bemühungen an, die alternativen Vorstellungen so weit wie möglich in die Planung aufzunehmen, und zeigte sein Interesse an der Einbeziehung des Luisenstädtischen Kanals in das Projekt Mauergedenken. Den von dem Sprecher der alternativen Gruppe erneuerten Maximalforderungen zur Erhaltung der „Wildnis“ erteilte der Ausschuss eine klare Absage und sah keinen Anlass in den Planungs- und Realisierungsprozess einzugreifen.


Ursprungstext – Duntze
Überarbeitet für die Web-Site – Krause
22.11.2005

Und hier das Ergebnis: Am 07.06.2006 wurde der Waldpflanzengarten feierlich eingeweiht. Bei strahlendem Sonnenschein versammelten sich Baustadträtin Dubrau, Senatbaudirektor Stimman, der Leiter der Gartendenkmalpflege von Krosigk, Herr Lingenauber sowie Dr. Duntze vom Bürgerverein um auch diesen Parkteil für die Öffentlichkeit freizugeben. Entstanden ist eine naturnahe Revival von Denkmalgeschützer Naherholung und zeitgemäßen Anwohnerwünschen. Doch sehen Sie selbst ...

Einweihung Waldpflanzengarten

Waldpflanzengarten