Du aber bleibst



Das Engelbecken – woher hat das Engelbecken seinen Namen? Schauen Sie hoch, zur Kirche: da droben steht er St. Michael, Patron der Deutschen und der Soldaten, Schutzengel dieser Kirche und der Luisenstadt. Ein heftiger Engel, Anführer der himmlischen Heerscharen, die Luzifer, den Gegenspieler Gottes, vom Himmel stürzten. St. Michael bohrt dem höllischen Drachen die Lanze in den Rachen - vielleicht hätte er ihn oben lassen sollen. Nun haben wir ihn hier auf Erden am Halse. Ich habe noch das Lied im Ohr, das wir in den 50er Jahren bei den Christlichen Pfadfindern gesungen haben: „Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael! Komm uns zu Hilf, zieh mit ins Feld! Hilf uns hie kämpfen, die Feinde dämpfen, Sankt Michael!“ So wurde er auch von den Soldaten angerufen, die ihre Feldzüge noch als Kreuzzüge führen konnten. Seine Kirche hier war ja erbaut worden als Garnisonkirche für die katholischen Soldaten im protestantischen Berlin – das Militär fragte nicht nach der Konfession, aber förderte den Kirchgang seiner Muschkoten: der Glaube macht pflichtbewußt und tapfer.

Ob St. Michael, der Engelfürst, mit solcher Dienstverpflichtung einverstanden war? Das scheint mit um so zweifelhaften, wenn ich daran denke, wie seine Statue auf diese Kirche gekommen ist. Der Bildhauer August Kiss hat sie gestaltet, er war einer der renommiertesten Künstler im Berlin des 19. Jahrhunderts. Aber ursprünglich nicht für diese Kirche, sondern 1849 als krönende Figur auf dem Denkmal auf dem Friedhof in Karlsruhe für die preußischen Soldaten, die im Kampf gegen die badischen Revolutionäre gefallen waren. Klar, der eklig-gräßliche Wurm war die Revolution, das Aufbegehren gegen den Staat. Der königliche Auftraggeber, Friedrich Wilhelm IV., gemäß seiner Devise: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ schenkte seinem Bruder Wilhelm, dem Heerführer gegen die badischen Revolutionäre (dem ‚Kartätschenprinzen‘) gleich noch eine Privatausführung; die steht noch heute hinter dem Schloß zu Babelsberg. So war der Engel auch für die Soldatenkirche, die 1861 eingeweiht wurde, das passende Symbol. Damit nicht genug, auch die Kuppel des Schweriner Schlosses ziert er und schließlich den Michaels-Turm auf dem Stammschloß der Hohenzollern auf der Schwäbischen Alb.

Was fangen wir mit diesem St. Michael an, dessen Bild nun seit 150 Jahren auf das Engelbecken fällt? Noch die Soldaten Adolf Hitlers trugen das „GOTT MIT UNS!“ auf dem Koppelschloß, Kardinäle und Bischöfe haben den Krieg gegen den Drachen aus dem Osten gut geheißen. Und dachte die DDR über sein Verhältnis zur Nationalen Volksarmee nach? Der Kapitalismus, der Klassenfeind als der eklige Drachenwurm, die Deutung hätte nahe gelegen für fromme Atheisten. Aber 1984 hat er abgehoben, St. Michael verschwand vom Turm – mag sein, daß er genug hatte, genug gesehen, genug gehört. Das Engelbecken ohne Engel – da fehlte etwas. 1995 schwebte er wieder ein, von starken Kranarmen auf den restaurierten Glockenturm gehoben. Nun sah er nicht mehr auf Mauer und Grenzanlage, die Folgen deutscher Hybris, sondern auf die vorsichtig zusammenwachsende Luisenstadt. Den Drachen hat er wieder mitgebracht - aber wer ist jetzt der Drache?

Lieber Engel, wie kommst du mit all diesen Zumutungen zurecht? Mit deinen Gevattern in Babelsberg und Karlsruhe, Schwerin und auf der Hohenzollernburg? Mit dieser Inanspruchnahme für obrigkeitliche Gewalt? Du bist doch nicht der, den August Kiss im allerhöchsten Auftrag aus dir machte? Kannst du dir gefallen lassen, daß dein Streiten mit Luzifer, dem abgefallen Kollegen, in Anspruch genommen wird für den Kampf gegen Demokraten, Arbeiter, Kommunisten, Kapitalisten – Du ein Engel fürs Grobe, abrufbar für alle Gelegenheiten?

„Sage mir, wer dein Drache ist, dann zeige ich dir deinen Michael.“ Aber wie wenig unsere Vereinnahmungen diesen Erzengel treffen, das zeigt uns ihre Brüchigkeit. Im Engelbecken spiegelt sich nicht nur der Engel - das Schicksal dieses Ortes spiegelt auch das Schicksal der Ideen, die St. Michael heiligen sollte. Und das lernen wir aus der wechselvollen Geschichte dieses Ortes: St. Michael liefert keine Rechtfertigung für unsere Feindbilder. Hören wir auf, ihn zu benutzen wie die Könige, die Chauvinisten, die Militärs und die frommen Fanatiker! Ihm, dem Engel, müssen wir uns anders nähern, wenn er uns nahe kommen soll. Fragen wir ihn:
Lieber St. Michael! Lehrst du uns nicht viel mehr, andere Kämpfe zu bestehen, gegen Ungerechtigkeit, gegen Menschenverachtung, gegen die Ausbeutung von Menschen und Natur? Gibt es nicht den Drachen in uns, dem deine Lanze gilt? Da gibt es noch ein anderes Bild von Dir: wie du die Seelen wägst im Gericht und dem Höllendrachen wehrst, der unsere Waagschale nach unter zieht. Vielleicht müssen wir in dich hinein sehen, durch Zink und Patina hindurch, und auf dich hören, um zu erkennen, daß der Himmel und seine Gestalten nicht unser Werk ist, sondern eine ewige Herausforderung an unser Umgehen mit der Erde und allen Geschöpfen, mit uns selbst und unserem Nächsten.
Ich glaube, lieber Sankt Michael, du bist für uns, was wir in dich hinein sehen, hast die Gestalt, die wir dir geben – du bist unser Engel. Und bleibst doch durch alle Gestalten hindurch der, der wehrhaft Gottes Sache führt am Himmel wie auf Erden. Und uns den Weg freikämpfst heraus aus Irrwegen in neue Anfänge – was wäre wohl aus diesem Ort geworden, wenn du nicht ein Auge auf dein ‚Engelbecken‘ gehabt hättest?

Unsere Entwürfe vergehen, unsere Gestaltungen vergehen, auch wenn wir sie noch so gewaltsam zementieren möchten, wir, auch wir vergehen. DU ABER BLEIBST – Patron der Deutschen, Schutzengel dieser Kirche und Gemeinde und – wenn es dir nicht zu gering ist - Schirmherr auch des Engelbeckens in der Luisenstadt.

Du aber bleibst

DU ABER BLEIBST - Foto: Duntze